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Wolf Suschitzky "VISUL ARTISTS, 1934 - 1982"

Wolf Suschitzky, VISUL ARTISTS, 1934 - 1982

Wolf Suschitzky



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Wolf Suschitzky (1912 Wien, AT - 2016 London, UK) war ein österreichisch-britischer Kameramann und Fotograf. 

Wolfgang Suschitzky, kurz »Wolf« oder ? noch kürzer ? auch »Su« genannt, kommt am 29. August 1912 in Wien zu Welt. Er verbringt die ersten Kindheitsjahre bezeichnenderweise in der Petzvalgasse [1] im 4. Wiener Gemeindebezirk, wo er in einem  mehr den Lehren der Wiener Sozialdemokratie  als den traditionell jüdischen Wurzeln verpflichteten  familiären Klima aufwächst. Sein Vater, Wilhelm Suschitzky, ein »für seine Zeit bemerkenswert fortschrittlicher Mann«[2], führt  zusammen mit dessen Bruder  die erste Sozialdemokratische Buchhandlung im Arbeiterbezirk Favoriten. Gemeinsam gründen sie auch den, nach dem Wiener Volksdichter benannten, Anzengruber Verlag.

Wolf Suschitzky will zunächst Zoologe werden. Ein entsprechendes Studium bleibt ihm aber - auch aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage um 1930 - verwehrt. Zur Fotografie kommt er nach eigenen Angaben durch seine ältere Schwester Edith, die seit 1928 bei Walter Peterhans am Bauhaus in Dessau studiert. Wolf schreibt sich in Wien an der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt ein, wo er u. a. bei Rudolf Koppitz eine wohl eher konservative, vor allem die zeitgenössischen Retuschier- und Printtechniken vermittelnde Ausbildung geniesst. 

Unter dem Eindruck des Bürgerkriegs und der Errichtung des austrofaschistischen Ständestaats ist für Wolf Suschitzky aber bald nicht mehr an eine Zukunft in Österreich zu denken. Gemeinsam mit seiner ersten Frau, der Holländerin Puck Voûte (die beiden lernen sich während ihres Studiums an der Graphischen kennen), geht er 1934 nach London, wo seine Schwester Edith Tudor-Hart (sie ist seit 1933 mit einem englischen Arzt verheiratet) bereits als Fotografin arbeitet. Ohne Arbeitserlaubnis muss das junge Paar aber England bald wieder verlassen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Amsterdam, wo sie sich mit dem Verkauf von Porträt- und Kinderaufnahmen über Wasser halten, trennen sich Wolf und Puck (ein Umstand, dem Wolf wie er später sagt  wohl sein Überleben verdankt)[3]. Denn so kehrt er 1935 wieder nach London zurück. Er fertigt weiterhin Porträts an, assistiert seiner Schwester Edith und widmet sich bald verstärkt einem ihm vertrauten Thema: Mit der Londoner Charing Cross Road nimmt er die Straße der Buchhändler (aber auch der Variétés) in den Blick. Die Wahl des Themas ist dabei aufgrund seines Bezugs zur verlorenen Heimat und vielleicht auch im Hinblick auf das Schicksal des Vaters von Bedeutung. Dieser hatte sich, wohl nicht zuletzt aus Verzweiflung über die politische Entwicklung in Österreich im April 1934, das Leben genommen.[4] Die, in den Jahren 1935 bis 1938 entstehende, Charing-Cross-Road-Serie stellt Wolf Suschitzky’s wichtigste und nach wie vor bekannteste fotografische Arbeit dar.

1937 trifft Wolf Suschitzky auf Paul Rotha, einen Vordenker der britischen Dokumentarfilm-Bewegung. Dieser zeigt sich von den dokumentarischen Bildern des jungen Fotografen beeindruckt und vermittelt ihm eine (unbezahlte) Stelle als Kameraassistent. Es ist der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Zunächst aber kann Wolf Suschitzky die Kontakte, die ihm die Arbeit beim Film beschert, nutzen. Durch die Mitarbeit an einer Filmreihe im Londoner Zoo lernt er den Zoologen Julian Huxley kennen. Die Fotografie von Tieren wird fortan ? sicher auch im Hinblick auf sein altes Interessen an der Zoologie ? zu einem besonderen Betätigungsfeld Suschitzky's. Später schreibt er: „Ich denke, ich war einer der ersten Fotografen, die Tierporträts machten, anstelle der üblichen zoologischen Fotografien, die alle vier Beine und einen Schwanz zeigen.“[5]

Ab Kriegsausbruch 1939 gilt Wolf Suschitzky offiziell als feindlicher Ausländer (»Enemy Alien«). Eine kriegswichtige Anstellung als Medizin- und Werbefotograf schützt ihn aber vor einer drohenden Internierung.[6] 1940 wird er Mitglied der Royal Photographic Society und arbeitet für Magazine wie IllustratedPicture PostAnimal and Zoound Geographical Magazine.[7] Ab 1942 kann er schliesslich wieder für Paul Rotha arbeiten. Im Auftrag des britischen Informationsministeriums und privater Auftraggeber dreht er bis Kriegsende an die hundert Filme und wird so selbst zu einer zentralen Persönlichkeit der britischen Dokumentarfilm-Bewegung. 

Nach dem Krieg ist Wolf Suschitzy weiter an der Realisierung zahlreicher großer Dokumentarfilm-Projekte beteiligt, dreht aber zunehmend auch Kurz- und Spielfilme. Mit No Resting Place (1951) dreht er, gemeinsam mit Paul Rotha, einen der ersten  ausschließlich »on location« entstandenen Spielfilme. Aber auch Werke wie The Bespoke Overcoat, der 1957 mit einem Oscar ausgezeichnet wird, Joseph Stricks Verfilmung von Ulysses (1967) und Mike Hodge’s Get Carter (1971) sind Beispiele für das vielfältige und einflussreiche kinematographische Schaffen Wolf Suschitzky’s. 

Neben den Spielfilmproduktionen ist es aber vor allem die Arbeit an dokumentarischen Filmreihen, die es Wolf Suschitzky erlauben, zudem ein umfangreiches fotografisches Werk entstehen zu lassen. Dieses ist geprägt von dokumentarischen Aufnahmen, die auf seinen ausgedehnten Reisen zu und am Rande von Dreharbeiten entstehen. Neben Porträts von Politikern, Wissenschaftlern, Künstlern und (wie könnte es anders sein) von Tieren entstehen umfangreiche Serien zu den Lebens- und nicht zuletzt Arbeitsverhältnissen im europäischen Kontext aber auch in Südostasien, in Indien, Nord- und Mittelamerika und auf dem afrikanischen Kontinent.

Auch als Fotograf bleibt Wolf Suschitzky dabei kühler Beobachter und stets dem Naturalismus der britischen Dokumentarfilm-Bewegung verpflichtet. 1948 stellt er fest: »Das dokumentarische Foto spiegelt die zeitgenössische Wirklichkeit wider und steht im Idealfall für den subtilen fotografischen Kommentar sozialer Zustande und nicht unmittelbar für Sozialpropaganda. Die menschliche Komponente überwiegt; ein Fotograf, der an den sozialen Zuständen Anteil nimmt und mit menschlichem Leid in Berührung kommt, hat besonderes Interesse, im dokumentarischen Foto seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, und ist für gewöhnlich parteiisch.«[8]

In Wolf Suschitzky’s nüchterner aber respektvoller Darstellung von Menschen (und Tieren) findet dies seine Entsprechung. Bemerkenswert ist dabei vor allem der Humanismus, den sein gesamtes Werk erkennen lässt, und der ? im Unterschied zu Suschitzky’s  von den Erfahrungen des Exils geprägten Biografie ? als  in hohem Maße stabil und kontinuierlich beschrieben werden kann.[9]

Im Jahr 2016 stirbt Wolf Suschitzky im Alter von 104 Jahren in London. Seit 2018 wird sein Nachlass im FOTOHOF archiv erfasst und zugänglich gemacht.

Trailer über den bedeutenden Dokumentarfotografen Wolf Suschitzky (Film, 6:32 Minuten)

Anmerkungen:

[1] benannt nach dem Mathematiker Joseph Petzval, der 1840 das erste, vergleichsweise lichtstarke, Weitwinkelobjektiv (welches vom Erfinder selbst als Porträtobjektiv bezeichnet wird) entwickelt. 

[2] Wolf Suschitzky, Kurze Autobiographie eines langlebigen Fotografen, in: Michael Omasta, Brigitte Mayr, Ursula Seeber, Wolf Suschitzky Photos, Wien: Synema 2006, S. 195

[3] ebenda, S. 197.

[4] Duncan Forbes, Wolf Suschitzky in Wien und London, Kontinuität und Transfer in der Fotografie, in: Wolf Suschitzky, Photos, Wien: Synema 2006, S. 17. 

[5] Wolf Suschitzky, Kurze Autobiographie, S. 199. 

[6] Duncan Forbes, Wolf Suschitzky, S. 23.

[7] Julia Winckler, The first rule of photography is patience: The photographs of Wolf Suschitzky, in: Wolf Suschitzky, seven decades of photography, Wien: Synema, 2014, S. 13.

[8] Helmut Gernsheim (Hg.), The Man behind the Camera, London: Fountain Press, 1948, S. 136.

[9] Duncan Forbes, Wolf Suschitzky, S. 27.

 

Wolf Suschitzky (*1912 Vienna, Austria – 2016 London, UK) was an Austrian-British cameraman and photographer.

Wolfgang Suschitzky, ‘Wolf’ for short or – even shorter – ‘Su’, was born in Vienna on 29 August 1912. Tellingly, he spent his early childhood in Petzvalgasse (1), in Vienna’s 4th municipal district, where he grew up in a family environment influenced more by the doctrines of Vienna’s social democracy than by traditionally Jewish roots. His father, Wilhelm Suschitzky, a ‘remarkably progressive man for his time’, (2) and his uncle ran the first social democratic bookshop in the working-class district of Favoriten. Together they also founded a publishing company, Anzengruber Verlag, named after the Viennese popular poet.

Initially, Wolf Suschitzky wanted to be a zoologist. But the precarious economic situation that prevailed around 1930 meant he was unable to enrol in the relevant course of studies. According to Suschitzky himself, it was his oldest sister Edith who first introduced him to photography; indeed, since 1928, she had been studying under Walter Peterhans at the Bauhaus in Dessau. Suschitzky enrolled at the Höhere Graphische Lehr- und Versuchsanstalt [Graphic Arts College] in Vienna, where he received a rather conservative education, mainly in contemporary techniques for retouching and printing, under Rudolf Koppitz among others.

But as civil war broke out in Vienna and an Austro-fascist corporate state was established, Wolf Suschitzky could no longer envisage a future in Austria. And so, with his first wife, the Dutch woman Puck Voûte (the two had met while studying at the Graphic Arts College), he left for London in 1934, where his sister Edith Tudor-Hart was already working as a photographer (she had married an English doctor in 1933). But without work permits the young couple were soon forced to leave England again. After a short spell in Amsterdam, where they eked out a living selling portrait pictures and children’s photographs, Wolf and Puck eventually separated (a circumstance to which Wolf would later say he probably owed his survival). (3) He returned to London in 1935. He continued to do portraits, assisted by his sister Edith, and began to devote himself more and more to a motif he was already familiar with. He took his photographic lens to Charing Cross Road, the street in central London filled with bookshops (and variety shows). This choice of theme is significant, given that it also references his lost homeland, and perhaps also in view of his father’s fate. Indeed, in April 1934, his father had committed suicide, probably not least out of despair over political developments in Austria. (4) The Charing Cross Road series produced between 1935 and 1938 represents Suschitzky’s most important and, to this day, best known photographic work.

In 1937 Suschitzky made the acquaintance of Paul Rotha, a pioneer of the British documentary film movement. Rotha was impressed with the documentary images produced by the young photographer and secured him an (unpaid) position as assistant cameraman. It marked the beginning of a fruitful collaboration. Initially, Suschitzky was able to capitalise on the contacts he made through his film work. It was while working on a film series at London Zoo that he met the zoologist Julian Huxley. Animal photography would become one of Suschitzky’s specialist fields, spurred on no doubt by his earlier interest in zoology. As he would later write: ‘I think I must have been one of the first photographers to do actual animal portraits, rather than the usual zoological photographs that simply depicted four legs and a tail.’ (5)

When war broke out in 1939, Suschitzky was officially classified as an ‘enemy alien’. But he was saved from the imminent threat of internment by a posting as a medical and advertising photographer considered vital to the war effort. (6) In 1940 he became a member of the Royal Photographic Society, working for magazines such as Illustrated, Picture Post, Animal and Zoo and Geographical Magazine. (7) By 1942 he was finally able to resume his collaboration with Paul Rotha. By the end of the war he had shot some one hundred films commissioned by the British Ministry of Information and by private clients, becoming a central figure in the British documentary film movement.

While he continued to collaborate on numerous major documentary film projects after the war, Suschitzy also began to make more and more short films and feature films. With Paul Rotha, he worked on No Resting Place (1951), one of the first British feature films to be shot entirely on location. Works such as The Bespoke Overcoat, which won an Oscar in 1957, Joseph Strick’s adaptation of Ulysses (1967) and Mike Hodge’s Get Carter (1971) illustrate Suschitzky’s diverse and influential cinematographic output.

Besides feature film productions, it was first and foremost his work on documentary film series that allowed Wolf Suschitzky to create a comprehensive photographic oeuvre. It was characterised by the documentary photographs he took during his extensive travels to and around his shoots. Alongside portraits of politicians, scientists, artists and (how could it be otherwise?) animals, he also made extensive series on living conditions and, not least, working conditions not just in Europe, but also in South-east Asia, India, North and Central America, and the African continent.

As a photographer, Wolf Suschitzky remained a keen observer, one indebted to the naturalism of the British documentary film movement. In 1948 he noted that: ‘The photo document is the reflection of the contemporary scene and represents in its best form subtle photographic comment on social conditions, rather than direct social propaganda. The human element dominates, and a photographer who has sympathy with social conditions and has been brought into contact with human suffering has in the photo document a significant interest for expressing his feelings, and usually takes sides.’ (8)

This is reflected in Wolf Suschitzky’s sober yet respectful portrayal of people (and animals). What is particularly remarkable here is the humanity permeating his entire oeuvre and which, unlike Suschitzky’s biography defined by his experiences of exile, can be described as highly steady and stable. (9)

Wolf Suschitzky died in London in 2016 aged 104. The FOTOHOF archiv has been curating his estate since 2018 and making it accessible to the public.

Trailer about the important documentary photographer Wolf Suschitzky (film, 6:32 minutes)

References:

(1) Named after the mathematician Joseph Petzval, who in 1840 developed the first relatively high-performance wide-angle lens (designated by the inventor himself as a portrait objective lens).

(2) Wolf Suschitzky, Kurze Autobiographie eines langlebigen Fotografen, in: Michael Omasta, Brigitte Mayr, Ursula Seeber, Wolf Suschitzky Photos, Vienna: Synema 2006, p. 195

(3) ibid, p. 197.

(4) Duncan Forbes, Wolf Suschitzky in Wien und London, Kontinuität und Transfer in der Fotografie, in: Wolf Suschitzky, Photos, Vienna: Synema 2006, p. 17.

(5) Wolf Suschitzky, Kurze Autobiographie, p. 199.

(6) Duncan Forbes, Wolf Suschitzky, p. 23.

(7) Julia Winckler, The first rule of photography is patience: The photographs of Wolf Suschitzky, in: Wolf Suschitzky, seven decades of photography, Vienna: Synema, 2014, p. 13.

(8) Helmut Gernsheim (ed.), The Man behind the Camera, London: Fountain Press, 1948, p. 136.

(9) Duncan Forbes, Wolf Suschitzky, p. 27.